Archiv für August 2009
Ein Gespräch mit einer Surprise-Verkäufer
Unter dem Kastanienbaum, an der Bahnhofbrücke, treffe ich Christine C., 61, deren freundliches Lächeln jedem Passanten auffällt und auch gleich erwidert wird. Sie packt gerade ihre Sachen zusammen und erklärt mir, dass wir unser Gespräch im Marchée führen werden. „Dort kann man sich prima unterhalten!“, erklärt sie mir strahlend. Mit einer solchen Selbstverständlichkeit und Offenheit hab ich nicht gerechnet und habe fast das Gefühl, dass es nicht ihr erste Mal ist, mit einem Fremden über ihr Leben reden zu wollen. 
Tatsächlich hat sie schon mit Interessierten geredet, die mehr über ihr Leben wissen wollten. Stolz präsentiert sie mir auch ein preisgekröntes Foto von sich, welches ein Student aufgenommen hat, nachdem wir uns mit Café und einem O-Saft in die hinterste Ecke des Bistros gesetzt haben und es uns gemütlich machen.
Seit 2 Jahren arbeitet Christine als Strassenmagazinverkäuferin an der Bahnhofsbrücke in Zürich. Hier hat sie ihren Platz in der Gemeinschaft von Randständigen gefunden und fühlt sich auch wohl. Meistens verkauft sie die Surprise, die jede zweite Woche aufgelegt wird, an die Stammkundschaft. „Wieviele Hefte hast du heute verkauft?“ frag ich sie neugierig. „Genau 10. Deshalb musste ich vor unserem Treffen neue Hefte kaufen gehen. Ich werde jetzt auch schnell meine Heftlis anschreiben, wenn du nichts dagegen hast. Das ist Pflicht, alles andere guter Wille.“ Die vierstellige Nummer dient übrigens zur Identifikation der Verkäufer, wie ich erfahre und maximal dürfen zehn Magazine zum Verkauf mitgenommen werden. Wenn alle verkauft sind, holt man sich jeweils eine neue Stappel.
Während ich ihr beim ausfüllen der Heftlis zuschaue, nippe an meinem Saft und stelle erstaunt fest, dass Christine ihren Café schon fertig getrunken hat. „Bist du den glücklich und zufrieden mit der Arbeit, die du machst?“ Ohne zu zögern antwortet sie:“Ja, absolut. Hier habe ich meinen jetztigen Partner kennengelernt und durch ihn und seine Freunde, die gleich neben mir auf der Brücke sitzen, fühle ich mich einerseits beschützt, anderseits zugehörig. Ausserdem habe ich keinen Chef, der mir auf die Finger schaut und kann in meinem Rhytmus arbeiten.“
Ohne Umschweif kommen wir dann auf ihre Vergangenheit zurück. Nachdem sie ihre Matura im Tessin abgeschlossen hatte, zog sie in die Deutschschweiz, um ihr Studium an einem Lehrerseminar zu beginnen. Zwei Semester lang hatte sie studiert, bis sie eines Tages ihr Zeug zusammen packte und mit ihrem Freund in die weite Welt zog. Da war sie gerade mal 19. Erst zehn Jahre später sollte sie wieder nach Hause kehren und das abgebrochene Studium beenden.
Was sie in den zehn Jahren an Erfahrung erlebte, lässt jeden Abenteurer und Backpacker vor Neid erblassen. Mit wenig Geld und ihrem Reisepass entdeckte sie Europa und marschierte mit anderen Reisenden nach Istanbul, das in den 60er und 70er Jahren eine der vielen Stationen des berühmten Hippie Trail nach Goa war.
„In Istanbul lebte ich neun Monate lang. Wir teilten uns mit anderen Hippies einen Dachboden in einem heruntergekommenen Hostel, aber die Leute und die Atmosphäre machte die Zeit unvergesslich. Die meisten Leute, die ich kennengelernt hatte waren nur auf Durchreise mit dem Ziel Goa. Viele von ihnen haben sich eine Existenz dort aufgebaut oder waren dem Rausch und dem Zauber Indiens verfallen und sind gleich dort geblieben. Mich zog es hingegen wieder zurück nach Europa, weil Indien mich überhaupt nicht faszinierte. Ich habe dann kehrt gemacht und machte mich auf den Weg nach Spanien. Ich bereiste Spanien meistens per Anhalter, was nicht ganz ungefährlich war.“
Meistens fuhren sie im hinteren Teil des Lasters mit, die nicht gedeckt waren. Als ihr Freund bei einem Zwischenhalt Wasser für den Laster holen musste, fuhr der Wagen plötzlich weiter. „Da wusste ich, dass etwas nicht stimmt. Ich stellte mich auf unsere Rucksäcke und schwang mich aus dem fahrenden Wagen. Ich blieb noch ein paar Minuten im Feld liegen, damit mich der Fahrer nicht sehen konnte. Es war einfach nur glück, dass ich unverletzt geblieben bin. Als ich im nähsten Dorf vorbei kam, sah ich meinen Freund mit der Polizei unterwegs. Unsere Rucksäcke hatten wir seit dann nicht mehr gesehen.“ Mit dem Schweizerpass in der Hand ging es dann wieder Richtung Schweiz.
Zurück in der Schweiz beschloss Christine wieder ihr Studium aufzunehmen. Die Integration in die Gesellschaft war jedoch schwerer, als gedacht. Als ausgebildete Primarlehrerin verstand sie sich mit Schülern sehr gut, die Kollegen grenzten sie allerdings aus, weil sie halt anders war. „Ich hatte eine Bildung und war neben der Schuldirektorin die einzige Lehrerin mit einem Studium in meinem Beruf. Der Neid meiner Kollegen war damit garantiert und als ich dann noch bei Pfarrer Sieber im Pfuusbus mithalf, war ich nicht mehr willkommen“, erklärt Christine und bedauert, dass sie sich wieder in die Gesellschaft eingliedern wollte. „Heute würde ich das nicht mehr tun“, stellt sie fest.
„Wenn du einen Wunsch frei hättest, was würdest du dir wünschen?“, frag ich sie.
„Nichts…ich bin wunschlos glücklich. Vielleicht würd ich mir etwas für meine Freunde wünschen, aber für mich persönlich kann mein Leben so weitergehen wie es im Moment verläuft.“
Nachdem wir uns voneinander verabschiedet haben, eilt Christine wieder zurück an ihren Platz, um die nächste Stappel Hefte los zu werden und anbei über Gott und die Welt mit ihren Freunden und Stammkunden zu plauden.
Zum Hippie Trail:
Der Hippie Trail war eine Route der Hippies/Abenteurer/Backpackers in den 60er und 70er Jahren, die meistens in Europa ihren Anfang nahm und Goa (Indien) als Ziel hatte. Die Route führt über Istanbul nach Teheran (Iran), Kabul (Afghanistan) und Peshawar (Pakistan) und wäre heutzutage wahrscheinlich der reine Selbstmord, bedenkt man die politische Lage in diesen Gebieten. Die meisten Reisenden waren nach Selbstfindung, kulturellem Austausch und auf der Suche nach Gott (Afghanistan & Opium. Hier klingeln die Glocken). Wenn man auf Google nach Hippie Trail ausschau hält, entdeckt man einen Link zu Flickr, mit Fotos von einem Hippie, der damals fast dieser Route entlang gereist ist. Sehr interessant und spannend!
der bünzli
in letzter zeit beschäftigte mich die bedeutung des bünzlis (spiessbüger) zunehmend. was ist ein bünzli? wikipedia erklärt:
Als Spießbürger oder Spießer werden in abwertender Weise Personen bezeichnet, die sich durch geistige Unbeweglichkeit, ausgeprägte Konformität mit gesellschaftlichen Normen, Abneigung gegen Veränderungen der gewohnten Lebensumgebung und ein starkes Bedürfnis nach sozialer Sicherheit hervortun.
Ja, so in etwa könnte man Bünzlis beschreiben.
ich war heute im copyshop im shopville, als mir ein bünzli auffiel. vorne an der kasse, gleich neben mir, brannte er nach auskunft über die preise des kopierens. und das ging lange:
„grüezig. ich muen zwoi sache uuusdrucke. wie chan ich das mache und wievil choschtet das?“, fragte er in einem bauernakzent. er sah überhaupt nicht wie ein bauer aus, sondern eher einer von diesen wirtschafts-fuzzis. mit kravatte & anzug.
„dazu brauchen sie erstmal eine copycard (5.- depot) und dann müssen Sie zum Beispiel 5 franken draufzahlen. vom pc ausdrucken kostet 1.- je blatt und 1 minute am pc kostet 0.67 franken“, meinte die dame an der kasse.
der bünzli, sichtlich schockiert, tat sein bestes und verhandelte:“ ja aber zeeeh franke für zwoi kopie? das isch aber saftig vill? ich muen ja nur zwei sache usdrucke! mein gott, isch das tüüür…wieso isch das so tüür?“
„schauen Sie…sie haben 5 franken depot, also zahlen Sie nur 5 franken für die zwei Sachen. Die Minute am PC kostet natürlich auch, das müssen Sie dazurechnen. und natürlich das papier.“
„ja aber, wenn ich i einre Minute fertig bin und d’blätter 1.- koschtet…denn…han ich ja no 2.33 franke ufem kärtli. zahled Sie mir das den us?“
Ich war so am dampfen und hätte dem typen, eine übergezogen mit weiss was ich. leider war ja nichts in der nähe und so strahlte ich meine giftigen blicke auf seinen rücken.
weggeschwemmt
heute zog es mich für einmal nicht in die frauenbadi und an den see, sondern an die limmat, beim escher-wyss-platz/wipkingerplatz. gleich gegenüber vom swissmil gebäude kann man die seele am ufer der limmat baumeln lassen. die strömung ist nicht reissend, aber mich hat es glatt von den füssen gehauen, als ich ins wasser ging.
und wie war mein wochenende sonst so? freitag hab ich mich bei petra zu einem guten roten betrunken. wir haben den ganzen abend über männer gelästert und über fotografie gequatscht. war ganz interessant. bei männern sind wir noch nicht schlauer geworden.
samstag war ja streetparade und dazu noch schlechtes wetter. da kann man eigentlich nur zuhause sitzen. ich bin aber trotzdem noch kurz in die stadt, um einkäufe zu erledigen.
und so schlau ich war auch ohne schirm und mit einem durchsichtigen schwarzen t-shirt. man(n) kann sich nun vorstellen, wie ich nach einer regentaufe aussah, aber zwischen all den nackedeis blieben mir empörte und lüsternde blicke erspart.
das war übrigens mein erster – und vorläufig letzte streetparade-besuch. zu hause angekommen, erwischte mich noch meine nachbarin und fragte ganz erstaunt, weshalb ich denn nicht an der streetparade wäre. sie hätte ihren sohn (ca. 13) hingeschickt und er schickte ihr ein sms, dass es so toll und wunderbar wäre! am liebsten hätte ich ihr eins um die ohren geschlagen mit meinem nassen t-shirt. streetparade ist und bleibt nix für kleine kinder. meine meinung.
bis bald!
fast wär ich weg
wenn ich morgen nicht arbeiten müsste, wär ich heute schon in berlin. meine ganze familie sitzt in polen und wien und ich bin die einzige, die vereinsamt darauf wartet, bis der nächste tag anbricht.
gestern abend wollte ich schon mein zeug packen und zum bahnhof fahren…aber da wäre ja noch die arbeit, die morgen früh ansteht.
aber nächstes mal bin ich weg. versprochen.